Teil I: Einführung in den Schweizer Immobilienmarkt

5. Wohnbaugenossenschaften

Genossenschaften sind ein eigenständiger und einflussreicher Teil des Schweizer Wohnungsmarkts. Auch wenn sie nicht immer für private Käufer zugänglich sind, spielen sie eine zentrale Rolle bei der Erhaltung bezahlbaren Wohnraums in Städten,
der Verhinderung von Spekulation und der Gestaltung langfristiger Wohnungspolitik.

Dieses Kapitel erklärt, was Wohnbaugenossenschaften sind, wie sie funktionieren und wann es Sinn macht, eine solche in Betracht zu ziehen.

Visualisierung der Neubausiedlung Bramen in Kloten von der Baugenossenschaft Schönheim
Visualisierung der Neubausiedlung Bramen in Kloten von der Baugenossenschaft Schönheim

5.1 Was ist eine Genossenschaft?

Eine Wohnbaugenossenschaft ist eine gemeinnützige juristische Person, die Wohnhäuser besitzt und diese an ihre Mitglieder zum Selbstkostenpreis vermietet – nicht zu Marktmieten.

Wichtige Merkmale:

  • Bewohner sind Mitglieder und halten Genossenschaftsanteile, besitzen aber nicht ihre Wohnung.
  • Mieten basieren auf Kostenmiete, nicht auf Gewinn (inklusive Unterhalt, Erneuerungsfonds, Schuldentilgung).
  • Überschüsse werden in Renovationen oder neue Projekte reinvestiert – es gibt keine Dividendenausschüttungen.
  • Gebäude sind oft auf langfristige Lebensqualität, Nachhaltigkeit und Gemeinschaft ausgelegt (z.B. Gemeinschaftsräume, Gärten).

Kurz gesagt: Genossenschaften sind kollektive, dauerhaft bezahlbare Vermieter.
Allein in Zürich gibt es über 60’000 Genossenschaftswohnungen[1], in denen rund jeder fünfte Einwohner lebt.

5.2 Wer kann darin wohnen und wie läuft die Auswahl?

Um in einer Genossenschaft zu wohnen, muss man in der Regel:

  • Mitglied werden, was den Erwerb eines Genossenschaftsanteils erfordert
  • Die Aufnahmekriterien erfüllen, z.B.:
    • Einkommens- und Familiengrössenlimits
    • Bereitschaft zum gemeinschaftlichen Leben
    • Verzicht auf Auto (viele Genossenschaften haben keine Parkplätze)
    • Teilweise Wohnsitzstatus oder kantonale Vorgaben

Das Bewerbungsverfahren kann beinhalten:

  • Einreichen eines Motivationsschreibens
  • Teilnahme an Interviews oder Informationsveranstaltungen
  • Aufnahme in Wartelisten (in Zürich oder Genf oft jahrelang)
  • Empfehlung durch ein bestehendes Mitglied, was in manchen Genossenschaften inoffiziell erwartet oder sogar verlangt wird

In etablierten Genossenschaften zirkulieren Wohnungen oft intern.
Es ist nicht ungewöhnlich, dass eine Wohnung nur dann frei wird, wenn ein bestehendes Mitglied einen Freund oder ein Familienmitglied empfiehlt.
Ohne Empfehlung kann es passieren, dass deine Bewerbung keine Beachtung findet – selbst wenn alle Kriterien erfüllt sind.

Die Stadt Zürich führt ein
Verzeichnis aktiver Wohnbaugenossenschaften,
das dir zeigt, ob es Angebote in deinem gewünschten Quartier gibt.

Während dies die Gemeinschaft stärkt, bedeutet es auch, dass der Zugang undurchsichtig oder ausschliessend sein kann, insbesondere für Neuzuzüger oder Ausländer.

Viele Genossenschaften bevorzugen Familien, langjährige Mieter oder Personen, die durch Neubauten verdrängt wurden. Manche bieten interne Wechselrechte, die es Mitgliedern erlauben, je nach Lebenssituation (z.B. Geburt eines Kindes) die Wohnung innerhalb der Genossenschaft zu wechseln.

5.3 Kosten-Vorteile und Einschränkungen

Vorteile:

  • Unter Marktmiete (oft 20–40% tiefer als im privaten Markt)
  • Langfristige Miet- und Planungssicherheit
  • Geringe Mietsteigerungen (nur bei Inflation oder Kostenanpassung)
  • Hohe Bau- und Unterhaltsstandards

Einschränkungen:

  • Kein Wiederverkaufswert: Die Wohnung gehört nicht dir, du kannst sie nicht mit Gewinn verkaufen.
  • Genossenschaftsanteile sind rückzahlbar, aber wertbeständig ohne Rendite.
  • Umbauten und Untermiete können eingeschränkt sein.
  • Oft nicht zugänglich für Ausländer oder sehr einkommensstarke Haushalte.
  • Geringere Mobilität: Wartezeiten für passende Wohnungen sind lang, Umzüge benötigen die Zustimmung der Genossenschaft.

Man baut zwar kein persönliches Vermögen auf wie im Eigentum, gewinnt aber Kostenstabilität und Wohnsicherheit.

5.4 Rolle in der Stadtentwicklung

In Städten wie Zürich werden Genossenschaften nicht nur geduldet – sie werden strategisch gefördert als Teil der langfristigen Wohnpolitik.

Zürich hat ein offizielles Ziel: Ein Drittel des Mietwohnungsbestands soll genossenschaftlich sein[2][3].
Dies wird unterstützt durch:

  • Baurechte auf städtischem Land zu günstigen Bedingungen
  • Planungsauflagen für durchmischte Quartiere
  • Direkte Kooperationen mit Genossenschaftsverbänden
  • Vorschriften, dass in grossen Neubaugebieten (z.B. Greencity oder Kalkbreite) Wohnungen für Genossenschaften reserviert werden

Genossenschaften gelten als Gegengewicht zur Immobilienspekulation und helfen, soziale Durchmischung und Bezahlbarkeit in wachsenden Städten zu sichern.

Lageplan der Greencity-Siedlung mit Wohngebäuden (Miete + Eigentum), Büros, Schule und Genossenschaftswohnungen
Lageplan der Greencity-Siedlung mit Wohngebäuden (Miete + Eigentum), Büros, Schule und Genossenschaftswohnungen

5.5 Genossenschafts- vs. normale Miete

Genossenschaftswohnungen stehen zwischen privatem Eigentum und marktbasierter Miete.
Sie bieten die Stabilität und langfristige Bezahlbarkeit des Eigentums – ohne finanzielles Risiko oder Verpflichtung – und stärkeren Schutz als gewöhnliche Mietverträge.

Vergleich:

Genossenschaft lohnt sich wenn… Normale Miete lohnt sich wenn…
Du Kostenstabilität über Jahre schätzt Du Flexibilität und häufige Umzüge bevorzugst
Du die Einkommens-/Gemeinschaftskriterien erfüllst Du nicht qualifizierst oder eine schnelle Lösung suchst
Du mit Nicht-Eigentum leben kannst für tiefere Miete Du weniger Aufsicht und weniger Gemeinschaftspflichten willst
Du gemeinschaftliche Werte und geteilte Räume akzeptierst Du volle Unabhängigkeit und weniger Regeln willst
Du langfristige Sicherheit ohne Spekulation suchst Dein Wohnbedarf ist kurzfristig oder übergangsweise

Der Zugang zu bestehenden Genossenschaften kann Jahre dauern, besonders in gefragten Quartieren mit langen Wartelisten, wo Wohnungen oft über private Empfehlungen weitergegeben werden.

Neue Genossenschaftsprojekte geben oft mehrere Wohnungen gleichzeitig frei – eine seltene Chance, ohne persönliche Kontakte einzusteigen.
Huusli hilft dabei, neue Projekte (inklusive Genossenschaften) frühzeitig zu finden, selbst in der Planungsphase.


  1. Stadt Zürich: Gemeinnütziger Wohnungsbauhttps://www.stadt-zuerich.ch/statistik ↩︎

  2. SRF: Bezahlbare Mieten dank weniger Luxuswww.srf.ch/news/wohnen-in-zuerich-bezahlbare-mieten-dank-weniger-luxus ↩︎

  3. Stadt Zürich: Stadtratsbeschlusswww.stadt-zuerich.ch/de/politik-und-verwaltung/politik-und-recht/stadtratsbeschluesse/2012/Jul/StZH_StRB_2012_0819.html ↩︎